27 Mai

Manchmal ernten wir Hundemenschen verwirrte oder gar böse Blicke, wenn wir mit unseren Lieblingen unterwegs sind. Aber für mich ist das leider kein „manchmal“ mehr, sondern fast schon ein täglich. Denn, so wie ich mit Jessi umgehe, schüttelt sogar mancher Hundemensch den Kopf. 

Wieso, wollt ihr wissen? Weil ich oftmals gar nicht mit ihr rede. Ich „schleife“ sie manchmal hinter mir her, zerre an der Leine. Und wenn ich mit ihr spreche, dann ist es eher ein „Jessica, würdest du jetzt bitte aufhören zu schnüffeln und mit mir mitkommen?“ Ehrlich, da könnt ihr meine Hundenanny fragen 😉 Für Fremde ist das unverständlich und sieht so aus, als würde ich meinen Hund quälen oder ihm einen Roman erzählen.

Natürlich kennen wir alle die nonverbale Kommunikation, die Kommandos von Mensch zu Hund auf das Minimum reduzieren (…). Und Jessi konnte das auch wunderbar. Aber als sie taub wurde, hab ich das irgendwann gelassen. Wozu auch? Sie hört es ja leider nicht mehr.

Wenn Jessi mich nicht sieht, muss ich ihr zu verstehen geben, dass sie mich ansehen soll. Das ist dann meistens ein sanfter Zug an der Leine. Dann schaut sie zu mir und ich kann ihr zeigen, was ich von ihr will. Oder ich tippe sie an. Manchmal riecht der eine Grashalm aber so interessant, dass sie überhaupt nicht reagiert, sodass ich sie wirklich zerren muss. Und glaubt mir, die ist standhaft 😀 Da kamen dann die ersten bösen Blicke. „Die zerrt den Hund einfach hinter sich hinter her, schau doch! Das arme Tier! Woher soll der wissen, was die von ihm will?!“ Kann man deutlich an den Gesichtern ablesen, wenn dazu dann auch noch der Kopf geschüttelt wird, ist die Missbilligung perfekt. Da kam ich mir auf Dauer recht schnell ziemlich blöd vor. Also habe ich angefangen, wieder mit Jessi zu sprechen. Und so sind wir im anderen Extrem gelandet.

 

Heute rede ich mit Jessi fast so wie mit einem Menschen; „Guten Morgen, Mäuschen, wollen wir schnell Pipi machen?“ Oder auch „Du weißt, bevor wir los gehen musst du dich hinsetzten, also los!“ „Jessi, könntest du dich bitte ordentlich benehmen und bei Fuß laufen, bitte?“ Aber es gibt auch Tage, an denen rede ich weniger und dann welche, an denen erzähle ich ihr wirklich Romane. Egal, bei was man uns gerade antrifft, wir werden von Fremden immer skeptisch und kopfschüttelnd angeschaut. Bisher hat aber nur einmal ein älterer Herr etwas zu mir gesagt. Ich bat Jessi gerade sehr höflich, mit mir mit zukommen und den Grashalm in Ruhe zu lassen, als besagter Herr an uns vorbei lief. Jessi reagierte natürlich nicht und er sagte „Sie müssen Ihrem Hund kurze, knappe Kommandos geben! So redet doch kein normaler Mensch mit seinem Hund!“ „Bitte“, habe ich geantwortet, „zeigen Sie mir, wie das geht.“ „Komm!“ Keine Reaktion. „Komm!“ Wieder nichts. „Ihr Hund ist ja total verzogen und ignorant!“ Na klar. „Nein, sie ist nur taub.“ Der gute Mann wurde puterrot im Gesicht, fand keine Worte mehr und stapfte peinlich berührt davon. 

 

Ich werde weiterhin mit Jessi so viel reden, wenn ich Lust habe und wenn nicht, dann schweige ich eben. Das ist Morgens in aller Früh, wenn alles Schläft und nur die Vögel wach sind, mal ganz schön. Kein Straßenlärm, keine anderen Menschen die Krach machen und auch ich bin still. Wir verstehen uns wortlos und genießen es einfach, für uns zu sein auch wenn die Stille nicht so gewollt war.